Langsam aber stetig – Europas Weg zur Marktführerschaft bei Cannabis

29.11.2019 | Blog

Der Cannabismarkt in Europa ist im Vergleich zu ähnlichen Märkten in den USA und Kanada relativ klein. Das bedeutet jedoch nicht, dass er keine ernstzunehmende Grösse hat. Im vergangenen Jahr wurden 290 Millionen Euro für den Verkauf von medizinischem Cannabis verzeichnet, und man kann getrost davon ausgehen, dass diese Zahl in den kommenden Jahren stark ansteigen wird. Nach einer aktuellen Studie von Prohibition Partners werden bis 2028 medizinische Umsätze von rund 55 Milliarden Euro und Einzelhandelsumsätze von 60 Milliarden Euro erwartet.

Per Januar 2019 haben 19 Länder in Europa Cannabis in irgendeiner Form legalisiert, sei es beim Anbau, der Produktion, dem Verkauf und sogar dem persönlichen Gebrauch. Im medizinischen Bereich ist Deutschland mit 76% des gesamteuropäischen Umsatzes der umsatzstärkste Markt, was rund 65 Mio. € entspricht.

Italien folgt mit 16%, wobei die Mehrheit des in diesem Land verkauften medizinischen Cannabis aus Importen stammt, von denen die meisten von den Niederlanden kommen. Es überrascht nicht, dass die Niederlande im Verhältnis zum Umsatzvolumen für medizinisches Cannabis im Vergleich zu den anderen einen kleinen Markt haben: Sie machen 4% der nationalen Cannabisverkäufe aus.

Wenn es um den Cannabismarkt geht, gibt es drei grosse europäische Unternehmen, die sich derzeit in dieser Branche einen Namen machen.

Storz & Bickel ist der grösste Hersteller von Verdampfern; seine Produkte sind in den wichtigsten Geschäften auf dem ganzen Kontinent erhältlich.

Endoca gibt es schon deutlich länger als andere CBD-Marken. Der Firmensitz befindet sich in den Niederlanden, aber sie besitzen Hanffelder in Dänemark. Da sie einem Seed-to-Shelf-Geschäftsmodell folgen, ist dieses Unternehmen in jeder Phase der CBD-Produktion involviert und hat keinen Zwischenhändler zu beschäftigen.

Agropro ist der grösste Produzent, Verarbeiter und Lieferant von Hanf in ganz Europa. Seit der Gründung im Jahr 2007 haben sie ihr Portfolio um Aktivitäten in Bereichen wie Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion erweitert. Die in Litauen ansässige Firma arbeitet mit mehreren Unternehmen in ganz Europa zusammen.

An der Schnittstelle dieser Unternehmen gibt es dann Platz für Einzelhändler wie WeCanHealth, der in Deutschland und der Schweiz zu den Marktführern zählt und sich darauf konzentriert, eine breite Palette von Produkten mit höchsten Qualitätsstandards über Online-Kanäle zu vertreiben.

Europa bewegt sich in einem anderen Tempo als die USA

Die Cannabisindustrie war 2018 der am schnellsten wachsende Markt in den USA. Man kann davon ausgehen, dass sich dies auch in Europa ähnlich entwickeln wird. Für den europäischen Markt gibt es jedoch einige Hürden zu überspringen, mit denen die Amerikaner nicht zu kämpfen hatten.

Dies liegt daran, dass viele der amerikanischen Bundesstaaten Regelungen kennen, die es den Wählern ermöglichen, mittels Initiativen die Gesetze in ihren Staaten direkt zu ändern. So konnte beispielsweise 1996 eine kalifornische Initiative das allererste medizinische Marihuana-Programm im ganzen Land etablieren. Ähnliche Initiativen führten auch zur Legalisierung von Marihuana für den Gebrauch durch Erwachsene in diversen Staaten.

Den meisten Europäern bleibt diese Möglichkeit verwehrt und Cannabis-Aktivisten in Europa haben eine viel schwierigere Aufgabe zu bewältigen als ihre amerikanischen Kollegen. Um in ihrem Staat einen Cannabis-Vorschlag auf den Wahlzettel zu bekommen, haben die amerikanischen Aktivisten viel Zeit und Geld aufgewendet, um an Türen zu klopfen und die erforderliche Anzahl von Unterschriften für eine zur Abstimmung kommende Gesetzesvorlage zu erhalten. Dazu haben sie Wahlkampf betrieben, um die Wähler davon zu überzeugen, zu gegebener Zeit tatsächlich abzustimmen.

In Europa könnten dies vergebliche Liebesmüh sein, sogar wenn europäische Aktivisten es schaffen würden, die Unterschriften von 99% der Bevölkerung zu gewinnen. Eine Änderung gibt es deswegen nicht – es sei denn, die Regierung will eine. In den Niederlanden wollen gemäss vertrauenswürdigen Umfragen beispielsweise 70% der Bevölkerung eine Cannabislegalisierung; das sind ganze 10 Prozent-Punkte mehr als vergleichbare Umfragen in den USA aufzeigen. Diese Zahlen haben die Regierung jedoch nicht im Geringsten beeinflusst. Sie weigert sich zum Beispiel hartnäckig, den Cannabis-Cafés des Landes zu erlauben, überhaupt mit reguliertem Anbau zu experimentieren.

Diese Art von Bürokratie zwingt die europäischen Aktivisten, bei ihren Politikern direkt zu lobbyieren und über die Medien die notwendigen Beweise zu liefern, dass die Bevölkerung für solche Veränderungen bereit ist. Jede der erneuerten Cannabisrichtlinien wurde auf diese Weise erlassen – gefördert mit kleinen Initiativen, die in den grösseren Städten beginnen und von dort aus expandieren.

Auch die Gerichte sind ein Weg zu solchen Veränderungen, wie der Fall von Michael F. in Deutschland bewiesen hat. Es dauerte 16 Jahre, aber er erhielt schliesslich die Erlaubnis, medizinisches Cannabis zu Hause anzubauen. Dies führte 2017 zur Einführung der medizinischen Cannabisgesetzgebung in Deutschland.

Warum wird Europa der führende Marktplatz für Cannabis weltweit?

Trotz der Anstrengungen, die noch unternommen werden müssen, ist Europa im Begriff, der führende Cannabismarkt der Welt zu werden. Die Cannabisindustrie, die sich mit der Herstellung legaler Cannabisprodukte in Europa beschäftigt, ist im letzten Jahr deutlich gewachsen. Zudem leben in Europa 743 Millionen Menschen – zweimal so viele wie gesamthaft in den USA und Kanada.

Die derzeitigen Marktführer der Cannabisindustrie in Europa, nämlich Deutschland, die Niederlande und Italien, wollen ihre bereits bestehenden Programme für medizinisches Cannabis ausbauen. Einige andere Länder wollen sich ihnen anschliessen, darunter Grossbritannien, Frankreich und Spanien, die alle ihre aktuelle Gesetzgebung überprüfen und über Veränderungen in diesen Märkten nachdenken. Sechs weitere Länder haben die Umsetzung neuer Gesetze in den Bereichen Wachstum, Verkauf oder Konsum angekündigt.

Dabei kann es immer noch zu Problemen kommen, da es an klinischen Daten über den Konsum von medizinischem Cannabis mangelt. Möglicherweise sind mehr Mittel für eine zuverlässige Forschung erforderlich. Erste bestehende Forschungsergebnisse, welche auch von der Weltgesundheitsorganisation und der Europäischen Union verbreitet werden, könnten dem jedoch Auftrieb geben. Zudem würden sie den europäischen Gesetzgebern den Anreiz geben, ihre Gesetzgebung zu überprüfen und die von den Menschen gewünschten Änderungen vorzunehmen.

Die Quintessenz

Angesichts des Wachstumspotenzials des europäischen Cannabismarktes ist es für den Gesetzgeber durchaus sinnvoll, die aktuellen Regelungen für diese Branche noch einmal zu begutachten. Andere Regionen wie die USA und Kanada haben bereits gezeigt, dass es eine Vielzahl von Wachstumspotenzialen gibt. Die europäischen Gesetzgeber haben daher wenig Grund, sich an ihre veralteten Gesetze und Vorurteile zu halten, wenn es um das Wachstum und den Verkauf von Cannabis für medizinische oder Freizeitzwecke geht.